Startseite | Kontakt | Impressum | Sitemap

www.hans-juergen-noss.de

Nahe-Zeitung, 13.07.2012

Im Alter in den eigenen vier Wänden leben
Diskussion Das Thema „Zukunft der Pflege“ interessiert viele

Von unserer Redakteurin Vera Müller

M Idar-Oberstein. Da mussten Stühle herbeigeschleppt werden: Mit diesem Andrang hatte Hans Jürgen Noss, innenpolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, offenbar nicht gerechnet. „Zukunft der Pflege: Wohnen im Alter“: Als Referentin für dieses Thema hatte Noss Jacqueline Kraege, Staatssekretärin im Sozialministerium, ins AWO-Zentrum in Oberstein eingeladen. Die 52-Jährige erlebte eine äußerst lebendige Diskussion nach ihrem Bericht, der eine Menge Fakten, landespolitische Ansätze, Gedanken enthielt. Ältere Menschen, aber auch viele Dienstleister und politisch Interessierte waren zu Gast und demonstrierten damit, was Noss zur Begrüßung betonte: „Pflege und Leben im Alter: Das Thema gewinnt immer mehr an Bedeutung. Demografisch steht der Landkreis Birkenfeld landesweit am schlechtesten da. Bei uns schlagen alle Probleme in diesem Zusammenhang extrem durch.“

Engere Vernetzung nötig

Menschen auch im Alter ein gutes Leben ermöglichen: Das Ziel auf politischer Ebene ist klar definiert. Wie das aussehen soll, erläuterte Kraege. Aktuell werden in Rheinland-Pfalz 70 Prozent der rund 106 000 pflegebedürftigen Menschen zu Hause versorgt: Das mache zum einen deutlich, dass die meisten Menschen den Wunsch haben, möglichst lange in den eigenen vier Wänden zu leben, trotz Pflegebedürftigkeit. Im Ländervergleich der Pflege durch Angehörige liegt Rheinland-Pfalz zurzeit auf dem zweiten Platz.

Bei allen Fragen rund um die Pflege seien die 135 im Land eingerichteten Pflegestützpunkte die erste Anlaufstelle: „Unser Ziel ist es, deren Arbeit stets zu verbessern. Wir streben auch eine engere Vernetzung der Arbeit der Stützpunkte mit den Regionalen Pflegekonferenzen und der Pflegestrukturplanung der Landkreise und kreisfreien Städte an. Auch wenn man gut aufgestellt sei, müsse man die Weichen für notwendige Veränderungen stellen, die sich an den Wünschen der Menschen orientieren. Der im Herbst 2010 vorgestellte Aktionsplan „Gut leben im Alter“ bündele die vielen innovativen Ansätze und Maßnahmen der Landesregierung für eine zukunftsorientierte Seniorenpolitik und ein solidarisches Miteinander der Generationen. Eines von fünf Handlungs- und Politikfeldern des Aktionsplanes sei „Selbstbestimmt wohnen im Alter“ und greife gezielt Modelle neuer gemeinschaftlicher Wohnformen auf. „Jenen, die daheim leben wollen, soll der Wunsch erfüllt werden können. Das Gebot der Stunde ist es, passgenaue Lösungen zu entwickeln, die auf entsprechende Dienstleistungen zurückgreifen.“ In Rheinland-Pfalz gebe es bereits viele neue Wohnformen bei Pflege- und Unterstützungsbedarf, so zum Beispiel Wohngemeinschaften mit familienähnlichen Strukturen. Selbstständigkeit und Lebensqualität im Alter erhalten: Dazu brauche es in Zukunft auch verstärkt Konzepte und elektronische Systeme, die das Leben der Senioren in den eigenen vier Wänden unterstützten. Erprobt werde zurzeit ein Modell-Projekt „Susi TD“, das moderne Technik und Dienstleistung miteinander verbindet. Ein Beispiel: Der Herd signalisiert, wenn er an-, aber nicht mehr abgeschaltet wird.

In jungen Jahren vorsorgen

Mit Blick auf die Pflegeversicherung stellte die gebürtige Münchnerin klar: „Ich hatte mir für pflegebedürftige Menschen gerechtere Leistungen durch das Pflege-Neuausrichtungsgesetz gewünscht. Leider hat die Bundesregierung die Erwartungen, die sie im Jahr der Pflege geweckt hat, nicht erfüllt.“ Hier müsse gehandelt werden. „Unser gemeinschaftliches Ziel muss sein, dass Menschen auch in Zukunft dort alt und gepflegt werden, wo sie gelebt haben. Sie sollen leben können, wo und wie sie wollen.“

Ressourcen von Familien, Nachbarschaften, des freiwilligen und ehrenamtlichen Engagements müssten noch mehr gestärkt und mit den professionellen Pflege- und Betreuungsstrukturen sinnvoll verknüpft werden. Der Rat der Staatssekretärin: „Mit Blick aufs Alter ist es klug, wenn man schon in jüngeren Jahren Strukturen aufbaut, sich früh mit der Altersfrage beschäftigt und nicht erst dann, wenn Pflegebedürftigkeit entsteht. Das Thema darf man nicht wegschieben.“ Die Diskussionsbeiträge zeigten, dass Redebedarf besteht: Die Handwerker müssen mit ins Boot; sie sollten Menschen schon beim Hausbau (im Landkreis Birkenfeld ist der Eigenheim-Anteil groß) darauf aufmerksam machen, dass es Sinn macht, die Tür zum Bad breiter zu planen, die Toilette zu erhöhen. In unseren Dörfern funktioniert die Nachbarschaftshilfe: Aber wie lange noch? Wie kommen Lebensmittel nach Hause, können Bankgeschäfte erledigt werden etc., wenn die Infrastruktur in den Dörfern immer dürftiger wird? Der Hausärzte-Mangel auf dem Land, wie sieht das in Zukunft aus? Was ist mit jenen Senioren, die knapp an der Sozialhilfe-Grenze leben? Sie stehen schlechter da als Sozialhilfe-Empfänger. Was ist mit gesunden Menschen, die aber im Alter Hilfe im Alltag brauchen? Wie kann man Prävention ausbauen, noch mehr aufklären, informieren? Eine interessante Info lieferte die Diskussion: Im Rahmen des Mitmach-Prozesses des Kreises wird es demnächst eine Tour nach Riedlingen, südlich der Schwäbischen Alb, geben. Dort wurde 1991 eine Seniorengenossenschaft gegründet, die Hilfen anbietet, damit ihre Mitglieder bis zum Lebensende in ihrem Wohnumfeld verbleiben können. Die Übersiedlung in ein Heim soll so auf Schwerstpflegefälle reduziert werden.