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Nahe Zeitung, 26.09.2008

Keine Einsparreserven mehr
NZ war auf Einladung von Verdi morgens um 5.30 Uhr live beim Schichtwechsel im Krankenhaus Idar-Oberstein dabei

Rund 3000 Beschäftigte aus Rheinland-Pflaz nahmen gestern an der bundesweiten Demonstration "Rettet die Krankenhäuser" teil. Ein Aktionsbündnis der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, Arbeitgebern und Fachverbänden fordert eine grundsätzlich neue Krankenhausfinanzierung, die mit dem Personalabbau in den Kliniken Schluss macht.

IDAR-OBERSTEIN. 5.30 Uhr, die Straßen der Schmuckstadt sind fast menschenleer, Idar-Oberstein schläft: Während die Kollegen anderer Krankenhäuser sich zum Protest auf den Weg in die Landeshauptstadt machen, steht im Klinikum Idar-Oberstein der übliche frühmorgendliche Schichtwechsel an. Und doch ist an diesem Morgen nichts wie sonst: Verdi Rheinland-Pfalz hatte Vertreter von Politik und Medien eingeladen, um einen direkten Einblick in den immer schwerer zu bewältigenden Krankenhausalltag zu gewähren. Im Eingangsbereich des Klinikums weist eine knallrote Pappsäule auf den durch die Missstände steigenden Leidensdruck hin; knackige Zitate und Infos erläutern die Situation, für die auch Oberbürgermeister Bruno Zimmer und MdL Hans-Jürgen Noss ein offenes Ohr haben: Beide verließen das warme Bett zu früher Stunde, um an diesem kühlen Herbstmorgen live beim Schichtwechsel dabei zu sein.

Nachdenkliche Sätze

Die Flure sind dunkel und leer, die Luft ist stickig und trocken, im kleinen Schwesternzimmer der Station 14 duftet es nach Kaffee: Katharina Milberger ist seit fast neun Stunden auf den Beinen und sieht trotzdem noch verblüffend frisch aus - was am Alter liegen mag. Die Göttschiederin ist mit ihren 24 Jahren das "Nesthäkchen" im 15-köpfigen Voll- und Teilzeit-Team. Seit fünf Jahren arbeitet sie im Klinikum und betont voller Überzeugung: "Ich wollte schon immer Krankenschwester werden. Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen." Nachdenklich fügt sie hinzu: "Ich bin zwar erst ein paar Jahre dabei... Aber es hat sich schon eine Menge verändert. Die Belastung wächst und wächst..." Ihre Kolleginnen - im Schnitt verdienen sie inklusive aller Zuschläge und Überstunden 1200 Euro netto im Monat - nicken zustimmend.

Eine "ruhige Nacht" hat sie nach eigener Aussage hinter sich. Unter "ruhig" versteht die sympathische junge Frau: "Bei Dienstantritt in alle Zimmer gehen, schauen, wie es den Patienten geht, Infusionen, Injektionen und die Wäschewagen für den Morgen vorbereiten, Dokumentationen erstellen, Bürokram erledigen, nachschauen, ob die Patienten ruhig schlafen, fachgerecht gelagert sind..." Und "Kurven schreiben" muss sie - alle erfassten Werte werden in die Krankenakten eingetragen und bei Schichtwechsel präzise an die Kollegen weitergetragen.

Stress durch Überbelegung

36 Patienten werden zurzeit auf der Station 14, die die allgemeine Chirurgie beherbergt, versorgt, was einer Überbelegung entspricht: Früher waren es auf der "14" im Schnitt 27 Kranke. Personal wurde bislang trotz aller finanziellen Nöte nicht abgebaut: "Aber die Arbeit wird immer mehr, weil die Patienten eine kürzere Verweildauer in der Klinik haben, älter als früher und damit auch pflegebedürftiger sind", wie Elfriede Wild von der Pflegedirektion erläutert.

Die Schwestern müssen flexibel sein, stationsübergreifend einspringen, auf Freizeit verzichten: Frank Brust vom Betriebsrat macht deutlich, was das konkret heißt: "Im ersten Halbjahr 2006 hatten wir faktisch 197 Mitarbeiter, die Stundensumme ergab aber eine Gesamt-Arbeitszeit von insgesamt 220 Mitarbeitern..." Die Situation habe sich seit 2006 verschärft. Und trotzdem seien die Schwestern und (wenigen) Pfleger motiviert und engagiert: "Unser Betriebsklima stimmt", fasst Elfriede Wild zusammen. Allerdings: Es komme durchaus vor, dass ein Mitarbeiter klar formuliere: "Ich kann nicht mehr..." - dann müsse man das respektieren und Rücksicht nehmen.

6 Uhr - Schwester Katharinas Schicht endet, ihre Kollegin Christine Spindler - seit 1984 mit Unterbrechungen im Klinikum beschäftigt - übernimmt den Dienst im Morgengrauen, registriert und notiert konzentriert, was Katharina von der Nacht zu berichten hat: Frau Meier hatte Luftprobleme, Herrn Schmidt wurden 20 Tropfen Schmerzmittel verabreicht, Frau Schneider wird heute an der Galle operiert. Und Herrn Müller geht"s besser - die Kolleginnen freuen sich. Eine gute Nachricht; für Mitgefühl und Anteilnahme ist immer noch Platz - trotz des Drucks und der hohen alltäglichen Belastung. Verwaltungsdirektor Christoph Bendick kennt die Sorgen seiner Mitarbeiter und sieht dringenden Handlungsbedarf: Die von der Bundesregierung für 2009 versprochenen 3,2 Milliarden Euro zusätzlich seien viel zu wenig, 6,7 Milliarden seien nötig. Einsparreserven gebe es nicht mehr. Er betont: "Das Krankenhaus wird als Arbeitgeber unattraktiv. Das betrifft Pflegepersonal wie Ärzte gleichermaßen." Zumal Idar-Oberstein ohnehin als Wohnort nicht unbedingt erste Wahl sei: "Ich sehe da Probleme auf uns zukommen."

Schwester Katharina hat ihren Dienst beendet. Und geht mit einem Lächeln nach Hause. Und dafür hat sie Respekt und schlicht mehr Geld verdient. Vera Müller