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Tagesspiegel, 16.03.2006

Bericht des Tagesspiegel (Berlin) über die Wahlveranstaltung mit Kurt Beck in Idar-Oberstein

Bauch oder Kopf

Herausforderer Christoph Böhr (CDU) philosophiert über Werte, Kurt Beck (SPD) verkörpert sie. Nun hat die Pfalz die Wahl

Von Stephan Haselberger

Das größte Unglück des Wahlkämpfers Christoph Böhr besteht vermutlich darin, Christoph Böhr zu sein. Das zweitgrößte trägt den Namen Kurt Beck.

Der CDU-Spitzenkandidat von Rheinland-Pfalz, Sohn eines Architekten, humanistisches Gymnasium, promovierter Philosoph, sitzt nach einem Wahlkampfauftritt in Worms beim Italiener. Vor sich hat Böhr einen Teller mit dreierlei Pasta und ein Glas Rotwein. In seiner Doktorarbeit hat er sich mit dem Thema „Popularität als Programm und Problem“ beschäftigt; vor der CDU-Basis erklärt er gern Grundsätzliches: „Das christliche Menschenbild ist so etwas wie der Prägestock unserer Gesellschaft.“

Der Regierungschef von Rheinland-Pfalz, Sohn eines Maurers, gelernter Elektromechaniker, Realschulabschluss auf dem zweiten Bildungsweg, sitzt nach einem Wahlkampfauftritt im Saal des Stadtrates von Idar-Oberstein. Vor sich hat Beck ein Mettbrötchen, in der Hand eine Flasche Pils. Auch er sagt bei seinen Reisen durchs Land gern Sätze von allgemeiner Gültigkeit. Zum Beispiel, dass „wer viel schafft, auch gut essen soll“.

Das ist der Unterschied. Christoph Böhr hat Mühe, sich allen verständlich zu machen; Kurt Beck sagt selten Dinge, die nicht ein jeder auf Anhieb versteht. Böhr muss seinen Hang zur Theorie zügeln; Beck ist dieser Hang wesensfremd. Böhr denkt viel über die Werte einer Gemeinschaft nach, Beck verkörpert sie einfach.

Kopfmensch oder Bauchmensch – das ist die entscheidende Frage, wenn es sonst keine großen Unterscheide gibt, wenn die inhaltlichen Differenzen zwischen den Volksparteien bis zur Unkenntlichkeit verschwimmen. In Rheinland-Pfalz führen SPD und CDU einen Wahlkampf ohne Thema, jedenfalls ohne ein polarisierendes. Man wetteifert um bessere Konzepte in der Bildungspolitik, aber das Trennende liegt nur noch im Detail, nicht mehr in der Weltanschauung. Böhr hat 900 neue Lehrer versprochen, Beck sagt, dies sei nicht finanzierbar.

Es ist, als wirke die große Koalition in Berlin auf die Kombattanten in Mainz wie ein zu starkes Beruhigungsmittel. Nach zwei Tagen vor Ort man fragt sich, ob die Bundesspitzen beider Parteien womöglich begrenzte Kampfhandlungen verfügt haben, damit ihr Bündnis ja nicht aus der Balance gerät. Am dritten Tag ist man geneigt, jenen Verschwörungstheoretikern zu glauben, die der festen Überzeugung sind, Kanzlerin Angela Merkel wolle ihren Parteifreund Böhr gar nicht gewinnen sehen, weil die SPD im Bund dann völlig unberechenbar würde.

Beck kommt der laue Wahlkampf zupass. Er hat, um es in der Sprache seines Herausforderers zu sagen, kein Problem damit, wenn persönliche Popularität zum politischen Programm wird. „Warum sollte ich streiten?“, fragt er nach dem Wahlkampfauftritt in Idar-Ober- stein, bevor er händeschüttelnd dem Ausgang zustrebt, wo er dem Dienst habenden Polizeibeamten noch ein „Danke für Ihren Dienst“ zuruft. Beck würde dieses „Danke“ nie vergessen. Er vergisst auch keine Geburtstage von Genossen, er weiß Bescheid über Krankheitsfälle in ihren Familien. Er macht Politik mit den Mitteln eines Vereinsvorsitzenden, darauf gründet sein Erfolg.

Wo er auftaucht, menschelt es gewaltig. Plagt ihn zum Beispiel ein Schnupfen, sagt Beck: „Wenn nichts läuft, läuft die Nase.“ Geht es um die Berliner Parteiendiskussion über die Rente mit 67, lästert er: „Von denen hat noch keiner einen Backstein in der Hand gehabt, es sei denn zum Schmeißen.“ Ansonsten wüssten die Damen und Herren in Berlin nämlich, dass ein Maurer, der bis 63 auf dem Bau geschafft hat, einer wie Becks Vater also, im Alter nicht mehr richtig laufen kann und es deshalb Ausnahmen für körperlich besonders belastende Berufe geben muss. „Solange ich in der Politik bin“, verspricht Beck, „werde ich mich um solche Themen kümmern.“

Vorfahrt für den gesunden Menschenverstand und ein Prosit der Gemütlichkeit: Kein deutscher Ministerpräsident steht im Ruf, so bodenständig und heimatverbunden, so nah beim Volk zu sein wie Beck. An so einen kann man sich anlehnen, er wird’s schon richten. Das bärtige Mannsbild aus Steinfeld in der Südpfalz ist gewissermaßen der letzte Schlagerstar der Volksmusik unter den Länderchefs. Er ist auch der letzte Kabinettsvorsteher, den die SPD in einem westdeutschen Flächenland zu bieten hat.

Böhr hingegen ist der Einzige aus der Riege der einstmals jungen Wilden in der CDU, dem es noch nicht gelungen ist, die SPD aus der Landesregierung zu vertreiben. Nach der schweren Niederlage gegen Beck 2001 war seine neuerliche Spitzenkandidatur lange umstritten. In der CDU sagen sie, der 52-Jährige könne besser denken als kämpfen; manche halten ihn für zu professoral, zu abgehoben für die ländliche Pfalz. Die Wahl am 26. März ist wahrscheinlich seine letzte große Chance in der Politik. „Er hat sonst fertig“, sagen die Mainzer Landeskorrespondenten voraus.

Nur: Was soll einer wie Böhr tun gegen einen Amtsinhaber, der die Landesvaterrolle ausfüllt wie eine Pfälzer Leberwurst die Pelle? Wo soll er angreifen, wenn Beck unablässig die Botschaft vom „Aufsteigerland“ verbreiten kann, gestützt auf Untersuchungen unabhängiger Instanzen? Die Bertelsmann-Stiftung verortet Rheinland-Pfalz auf Platz fünf im Standortwettbewerb der Länder, die Arbeitslosenquote liegt bei vergleichsweise niedrigen 9,1 Prozent. Besser sind nur Baden-Württemberg und Bayern.

Oder Böhrs Forderung nach einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Was bringt sie, wenn Beck darauf verweisen kann, dass Rheinland-Pfalz unter seiner Regentschaft Vorreiter bei der Einführung von Ganztagsschulen war. Und schließlich: Wie soll Böhr die bürgerlichen Wähler überzeugen, dass es wirklich eine Perspektive für den Machtwechsel gibt, wenn die FDP mit einer klaren Koalitionsaussage zu Gunsten Becks antritt?

Nein, das sind wirklich nicht die besten Voraussetzungen für einen Sieg der CDU und ihres Kandidaten, und zuweilen macht Böhr in diesem Wahlkampf den Eindruck, als glaube er selbst nicht so recht an den Erfolg. Den Betreibern des Holiday-Parks Hassloch, zum Beispiel, verspricht er am Ende seines Besuchs, sich um ihre Sorgen zu kümmern – „in vier Wochen oder fünf Wochen, wenn ich ein bisschen den Rücken frei hab“. Ein designierter Ministerpräsident hätte so kurz nach der Wahl anderes zu tun.

Auch an der Parteibasis nagen die Zweifel. „Der Beck weg? Des seh isch net“, sagt eine CDU-Anhängerin vor Böhrs Auftritt im Dorf Guntersblum bei Nierstein. Neben ihr steht ein freundlicher Öffentlichkeitsarbeiter der CDU-Landtagsfraktion und macht ein unglückliches Gesicht. Später wird der lokale Landtagskandidat Thomas Günther den knapp hundert Besuchern zurufen: „Nur wer selbst überzeugt ist, dass er gewinnen kann, kann auch gewinnen!“

Natürlich ist Böhr die Skepsis der eigenen Leuten nicht entgangen. Er weiß auch, dass es keine massive Unzufriedenheit mit Beck und dessen Regierung im Land gibt. Fundamental-Kritik überlässt er der Jungen Union. Die legt in den Gemeindesälen und Stadthallen Postkarten aus mit dem Slogan: „Beck ruiniert das Land“, während Böhr oben auf den Bühnen zugesteht, dass „in den letzten 15 Jahren nicht alles falsch gelaufen ist“.

Es ist im Grunde ein Wahlkampf des Ja-Aber, den Böhr mit Merkel-Huldigungen garniert. Er sagt: „Ich will von Herzen gerne mit ihr als Ministerpräsident in Mainz im Bundesrat Seite an Seite die Aufgaben angehen, die wirklich gelöst werden müssen.“ Es gibt dann immer viel Beifall, denn Merkel hat geschafft, was Böhr bisher nicht gelungen ist: Sie hat ihr Image als Verliererin abgeschüttelt. Aber dazu musste sie zuerst an die Macht kommen.

Man kann mit Christoph Böhr problemlos über die Schwierigkeiten von Intellektuellen in der Politik reden. Er sagt dann, quasi als persönliches Fazit: „Man muss so bleiben, wie man ist, und es trotzdem packen.“

Wunderglaube? Vielleicht verhilft ja ausgerechnet ein Populist dem CDU-Kandidaten zum Sieg über den leutseligen Landesvater. Oskar Lafontaines WASG ist die große Unbekannte im rheinland-pfälzischen Wahlkampf. Schafft sie den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde, droht der SPD in Mainz die große Koalition. Das wäre dann das denkbar größte Glück für den stellvertretenden CDU-Bundesvorsitzenden Böhr und das größte Unglück für den stellvertretenden SPD-Bundesvorsitzenden Kurt Beck. So unerschütterlich das Schwergewicht Beck auch wirken mag, so dünnhäutig kann der 57-Jährige sein, wenn es um die Macht geht. Als ihm 2001 nach seinem furiosen Sieg im Landtag eine Stimme aus den Koalitionsfraktionen bei der Kür zum Ministerpräsidenten fehlte, grübelte er wochenlang, wer der Abtrünnige gewesen sein könnte. Ginge die Wahl am 26. März für ihn schief, sagt ein Vertrauter, Beck wäre „zeit seines Lebens geknickt“.