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Hans Jürgen Noss, MdL

Nahe Zeitung vom 15. Dezember 2016

Er soll das Bundestagsdirektmandat zurückholen: SPD-Kreisvorstände KH und BIR sprechen sich für Joe Weingarten aus
Einstimmig sprachen sich die Vorstände der SPD-Kreisverbände Bad Kreuznach und Birkenfeld am Sonntag in Kirn für ihren neuen Kandidaten Joe Weingarten aus.

Von Kurt Knaudt

Bei der Suche nach einem geeigneten Bewerber hatte der Landtagsabgeordnete Denis Alt (Bad Sobernheim) den 54-Jährigen erst vor wenigen Wochen ins Gespräch gebracht. Wr berichteten bereits am vergangenen Samstag (1. Oktober) über Weingartens Kandidatur.

Er bringe beste Voraussetzungen mit, um der Region in Berlin wieder mehr Gehör zu verschaffen, betonten die Kreisvorsitzenden Hans-Dirk Nies und Hans-Jürgen Noss. „Ehrlich sein und Klartext reden“, hat sich Weingarten selbst auf die Fahne geschrieben. „Wir nehmen in Kauf, dass er dem einen oder anderen auch mal auf die Füße getreten hat“, sagt Denis Alt, der ihn 2009 im Wirtschaftsministerium kennen und schätzen gelernt hat.

Zuvor war der Kandidat, der in zweiter Ehe mit Dorothea Kaleschke-Weingarten, Leitende Planerin bei der Planungsgemeinschaft Rheinhessen-Nahe, verheiratet ist und drei Kinder im Alter von 16, 17 und 26 Jahren hat, unter anderem von 1991 bis 1998 und von 2000 bis 2004 in der Staatskanzlei tätig, zuletzt als Leiter der politischen Planungsgruppe. Seit 2008 sitzt er im Wirtschaftsministerium und ist dort derzeit Leiter der Abteilung „Innovation, Technologie und Digitalisierung“. Der gebürtige Idar-Obersteiner ist zudem Aufsichtsratsvorsitzender von vier Forschungsinstituten des Landes und der Technologiezentren in Kaiserslautern, Trier, Koblenz und Ludwigshafen.

„Er bringt ein hohes Maß an Kompetenz mit“, freut sich Hans-Dirk Nies. Der SPD-Kreisvorsitzende setzt darauf, dass solche Reinfälle wie die Herabstufung der Ortsumgehung Martinstein im Bundesverkehrswegeplan nicht mehr passieren, wenn Weingarten in Berlin ist. Da sei in den vergangenen Jahren viel versäumt worden, pflichtet ihm der Kandidat bei. Man wolle im Wahlkampf möglichst viele Podiumsdiskussionen organisieren, um die Unterschiede zur CDU-Kandidatin Antje Lezius zu verdeutlichen, kündigt Hans-Jürgen Noss vielsagend an.

Weingarten will sich nach eigener Aussage aber nicht nur für Wirtschaft und Arbeitsplätze, sondern auch für Integration und Toleranz stark machen. Bei der Lösung der Flüchtlingsfrage brauche man sowohl Menschlichkeit als auch Verstand. „Aus unserer Region sind früher auch Menschen in andere Länder ausgewandert und waren darauf angewiesen, dass sie dort willkommen waren.“ Allerdings müssten sich Flüchtlinge auch an die hier geltenden Regeln halten. Erste Bedingung sei die Bereitschaft, Deutsch zu lernen. Aber man dürfe nicht nur fordern, sondern müsse auch fördern, um Integration zu ermöglichen.

Mehr Toleranz hält Weingarten beim Neubau der Moschee in Bad Kreuznach für geboten. „Selbstverständlich sollten die Muslime sie bauen dürfen“, meint er mit Verweis auf das Recht zur freien Ausübung der Religion. Eine andere Frage sei, an welchem Standort sie errichtet wird. Auf jeden Fall sollte in der Moschee nur gelehrt und gepredigt werden, „was mit unserer Verfassung vereinbar ist“.

Seit 1994 ist der 54-Jährige ohne Unterbrechung kommunalpolitisch tätig, zurzeit im Verbandsgemeinderat Alsenz-Obermoschel. Trotz seines gut bezahlten Jobs im Wirtschaftsministerium reize ihn nach so vielen Jahren in Mainz die Bundespolitik und die damit verbundene neue Perspektive. Seinen Chef Volker Wissing (FDP), mit dem er sich gut verstehe, habe er bereits über seinen Ambitionen informiert.

Als Bundestagskandidat für die SPD im Wahlkreis Bad Kreuznach/Birkenfeld anzutreten, ist für Joe Weingarten „nicht nur eine Kopf-, sondern auch eine Herzensentscheidung“. Das betonte der 54-Jährige im Gespräch mit unserer Zeitung, nachdem sich die Vorstände der beiden Kreisverbände am Sonntag in der Verbandsgemeindeverwaltung Kirn einstimmig für ihn ausgesprochen hatten. Es sei notwendig, dass die Naheregion „zukünftig wieder mit einer stärkeren Stimme in Berlin vertreten ist. Die bisherige Interessenvertretung ist zu schwach“, betonte er, ohne die CDU-Kandidatin Antje Lezius direkt zu nennen. Zugleich macht er keinen Hehl daraus, dass er vor diesem Hintergrund auch CDU-Wähler für sich gewinnen will.

Im Duell mit Lezius das Direktmandat zurückzuerobern: Das ist für Weingarten, der im Viktoriastift in Bad Kreuznach geboren und im Idar-Obersteiner Stadtteil Weierbach aufgewachsen ist, das vorrangige Ziel. Ein sicherer Listenplatz interessiere ihn deshalb zunächst einmal nicht. Er werde seine Mitbewerber nicht herabsetzend persönlich angreifen. „Aber wir werden Defizite benennen“, kündigt der Diplom-Verwaltungswissenschaftler und Doktor der Sozialwissenschaften an.

Und fängt gleich damit an. Beispiel Ortsumgehung Martinstein: Dafür hätte sich die zuständige Abgeordnete in Berlin in den vergangenen Jahren viel stärker einsetzen müssen. „Die lernen es einfach nicht“, kommentiert er die Parteispenden-Affäre der Landes-CDU. Er werde darauf drängen, dass auch die CDU vor Ort deutlich macht, wie sie den Bundestagswahlkampf finanziert. „Geht zu denen, die Lösungen anbieten“, lautet seine Botschaft an die Wähler mit Blick auf „die Scharlatane von der AfD“. Nicht jeder von ihnen sei ein Rechtsaußen, „aber es gibt eben auch Rechtsaußen in der AfD“.

Er kenne die Bedürfnisse der Region, bekundet der in Alsenz wohnende Sozialdemokrat, der seit 1978 Genosse ist. Ein Problem: Die Bundespolitik werde viel zu sehr von der Situation in den Großstädten bestimmt. Das wirke sich auf die Infrastruktur, die Bildung und die Gesundheitsversorgung aus. Da müsse sich was ändern.

Weingarten will erst gar nicht den Verdacht aufkommen lassen, dass er ein Unterbringungsfall sein könnte: „Ich habe einen sicheren Arbeitsplatz und bin nicht darauf angewiesen, mit der SPD-Versorgungskutsche nach Berlin zu reisen.“ Und warum kandidiert er? „Ich will der SPD, von der ich viel bekommen habe, etwas zurückgeben, indem ich mich für meine Heimat einsetze.“ Der Ministerialdirigent, dem sein bei der US-Army in Nahbollenbach beschäftigter Vater Josef den Namen Joe gab, weil er selbst von den Amerikanern so genannt wurde, erinnert sich noch genau an den Moment, als die Kandidatur an ihn herangetragen wurde: Beim Einkaufen in Bad Kreuznach klingelte sein Handy. Es war der Landtagsabgeordnete Denis Alt (Bad Sobernheim), der ihn fragte, ob er sich das vorstellen könne. „Ich schätze ihn außerordentlich“, betonte Alt, den viele Genossen selbst gern in Berlin gesehen hätten. Er wie auch die Kreisvorsitzenden Hans-Dirk Nies und Hans-Jürgen Noss halten Weingarten für einen „hervorragenden Kandidaten“.

„Ich fühle mich herzlich aufgenommen“, sagte der Abteilungsleiter im Wirtschaftsministerium nach der Vorstellungsrunde vor den SPD-Kreisvorständen. Er werde möglichst viele Betriebe und Einrichtungen besuchen und vor der Wahl auch verstärkt auf die Straße und in Wohngebiete gehen, kündigte der frisch berufene SPD-Kandidat an.

Kommentar

Starker Einstand bei den genossen

Die Berufung von Joe Weingarten wird bei den meisten Wählern keine Wow-Reaktionen hervorrufen. Dafür ist er einfach zu unbekannt. Mit ihm hat die SPD aber einen Kandidaten mit einem respektablen, ja eindrucksvollen Lebenslauf. Der 54-Jährige, der auch durch seine Parteizugehörigkeit Karriere gemacht hat, konnte bei seinen Verwendungen in Politik und Wirtschaft viel Erfahrung sammeln. Er kennt das Geschäft. Zudem ist er ein versierter Redner, der klare Worte nicht scheut. Seine Strategie wird auch darauf zielen, CDU-Kandidatin Antje Lezius als schwach und farblos erscheinen zu lassen.

Die Genossen aus den Kreisvorständen hat er schon mal überzeugt. Ihnen gab er das Gefühl, dass er nicht nur Wirtschaft kann, sondern auch soziale Verantwortung gegenüber Schwächeren nicht vergisst. Sein starker Einstand lässt auf einen zumindest nicht langweiligen Wahlkampf an der Nahe hoffen.

Auch wenn Weingarten im Wahlkreis natürlich auf Sieg setzt: Für die SPD ist es schon allein eine Imagefrage, sich diesmal nicht wie 2013 mit einem hinteren Listenplatz abspeisen zu lassen, der am Ende das Bundestagsmandat kostete.